Aus der Jahrhunderte alten landwirtschaftlichen Erfahrung mit Frühjahrsfrösten entstand die Überlieferung, dass Mitteleuropa Mitte Mai häufig von einem Kaltluftvorstoss mit letzten schädlichen Frösten erfasst wird. Daraus hat sich der bekannte Witterungsregelfall der Eisheiligen entwickelt. Als Witterungsregelfall oder Singularität wird eine an bestimmten Kalendertagen mehr oder weniger regelmässig auftretende Abweichung vom mittleren jährlichen Gang der meteorologischen Elemente bezeichnet.
Gemäss Definition in der Literatur fallen die Eisheiligen in Mitteleuropa auf die Tage vom 11. bis zum 14. Mai. Es sind die Namenstage von Mamertus, Pankratius, Servatius und Bonifatius. Als Abschluss für diese Kaltphase wird schliesslich die Kalte Sophie vom 15. Mai genannt (Schirmer 1987, Blüthgen, Weischet 1980). Laut Überlieferung soll der Frost nach den Eisheiligen für die Landwirtschaft keine Gefahr mehr darstellen.
Neues Datum für die Eisheiligen
Nicht häufiger Frost als sonst im Mai
Im Frühjahr stellen Frosttemperaturen vor allem direkt am Boden eine besondere Gefahr für die Landwirtschaft dar. Die in der Schweiz längste Messreihe mit Temperaturdaten 5cm über Boden, bis 1965 zurückreichend, ist jene von Payerne in der Westschweiz.
Die Analyse der Messreihe für die Monate April und Mai zeigt deutlich, dass Frost direkt über dem Boden, im Folgenden vereinfacht Bodenfrost genannt, im langjährigen Durchschnitt nur an den Tagen bis Mitte April regelmässig auftritt (Fig. 1). An diesen Tagen ist jedes zweite Jahr oder häufiger damit zu rechnen. In der zweiten Aprilhälfte geht die Auftretenshäufigkeit von Bodenfrost rasch auf 30 Prozent zurück, das heisst, die Tage ab dem 23. April zeigen im Durchschnitt noch etwa alle 3 Jahre Bodenfrost.
Vom 1. bis zum 25. Mai bewegt sich die Auftretenshäufigkeit von Bodenfrost nur noch im Bereich von 10 Prozent. Die Tage der Eisheiligen vom 19. Mai bis zum 23. Mai zeigen keine spezielle Häufung. Die zum Ausdruck kommende leicht erhöhte Häufigkeit vom 22. bis 24. Mai ist auch vom 14. bis 16. Mai zu beobachten und kann deshalb nicht als speziell beurteilt werden. Die fehlende Häufung von Bodenfrost um die Eisheiligen kommt auch an anderen Messstationen mit kürzeren Messreihen zu Ausdruck. Die klassischen Eisheiligen, verstanden als spezielle Phase im Mai mit gehäuftem Auftreten von Bodenfrost, sind also in der Schweiz nicht feststellbar.
Figur 1: Häufigkeit von Bodenfrost an den Tagen der Monate April und Mai während der Periode 1965-2008, analysiert für die Messreihe Payerne (490 m ü.M.).
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Seit langer Zeit keine Eisheiligen
Die ziemlich gleichmässige Verteilung der Wahrscheinlichkeit von Bodenfrost im Mai ist grundsätzlich seit über 100 Jahren bekannt. Julius Hann zitierte bereits 1906 in seinem umfangreichen Lehrbuch der Meteorologie eine Anzahl von Untersuchungen, welche darauf hinweisen, dass die Eisheiligen keine grössere Frostgefahr bringen als die anderen Maitage (Hann, 1906, S.86). Diese Untersuchungen stammen zu einem grossen Teil aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen langjährige Aufzeichnungen von Frostschäden aus der Ostschweiz, dass keinerlei Häufung von Bodenfrost um die Eisheiligen festzustellen ist (Schüepp, 1950, S. 156/157). Die Eisheiligen sind also schon ein altes Thema in der Meteorologie und Klimatologie.
Fast jedes Jahr mindestens einmal Bodenfrost im Mai
Figur 2: Anzahl Tage mit Bodenfrost im Monat Mai während der Periode 1965-2008, analysiert für die Messreihe Payerne (490 m ü.M.).
bildgross.gif, 24 KBNoch mehr zu den Eisheiligen
Literatur
Hann J., 1906: Lehrbuch der Meteorologie. Zweite, neubearbeitete Auflage. Tauchnitz-Verlag, Leipzig.
Primault B., 1971: Du risque de gel et de sa prévision. Veröffentlichungen der Schweizerischen Meteorologischen Zentralanstalt Nr. 20, Zürich.
Schirmer H., 1987: Meyers kleines Lexikon Meteorologie. Meyers Lexikonverlag. Mannheim, Wien, Zürich.
Schüepp Max, 1950: Wolken, Wind und Wetter. Büchergilde Gutenberg, Zürich.


