Folgender Bericht versucht die komplexe Wetterlage dieser rund 48 Stunden etwas näher zu erläutern.
Gewitterreicher und nasser Juni
Der Juni 2007 zeichnete sich durch eine extreme Gewitterhäufigkeit und regional deutlich überdurchschnittliche Regenmengen aus. Auf dem Moléson im Kanton Freiburg fiel mehr als das Doppelte der durchschnittlichen Niederschlagsmenge (206% im Vergleich zur 30 - jährigen Norm), in Adelboden waren es 144% und in Schafhausen 150%. Nur in der Region Zürich, in St. Gallen und im Unterengadin herrschten etwas zu trockene Verhältnisse.
Die Wetterlage vom Mittwoch, 20. Juni 2007
Die Wetterlage zu Beginn der 2. Junidekade war geprägt durch ein kräftiges atlantisches Tief mit Kern bei Irland und einem flachen Hoch mit Kern über dem Baltikum. Die Schweiz lag zwischen diesen Druckzentren im Bereich einer mässigen Südwestströmung mit der sehr warme und, in den tieferen Luftschichten, feuchte Luft herangeführt wurde. In der Höhe sorgte ein sogenannter Rücken (siehe Bild 1, Karte 500 hPa 12 UTC) noch für eine relativ stabile Schichtung der Atmosphäre. Auf der Rückenvorderseite, kam es entlang des Juras in der Nacht sowie am Mittwochmorgen allerdings schon zu ersten Schauern oder Gewittern. Diese Gewitterreste lösten sich jedoch rasch auf, sodass bis in den späten Nachmittag die Sonne ungehindert scheinen konnte.
Die Tageshöchstwerte erreichten im Flachland an einigen Orten die Hitzemarke von 30° C. Am heissesten wurde es allerdings in den Alpentälern. In Scuol im Unterengadin, auf einer Höhe von 1200 M.ü.M, wurde ein Tagesmaximum von 31.2°C gemessen. Kein Wunder bildeten sich über dem Unterengadin am Nachmittag die ersten kräftigen Gewitterzellen. Im übrigen Schweizer Alpenraum sowie im Jura konnten bis Mitte Nachmittag kaum grössere Quellwolken beobachtet werden.
Am Mittwoch Abend gelangten die westlichen Landesteile allerdings zunehmend in den Einflussbereich des Höhentrogs über Frankreich, der stabilisierende Deckel in der Höhe wurde nun gehoben und es kam zu kräftigen vertikalen Umlagerungen der feuchten Schicht in Bodennähe. Innert Minuten schossen die Quellwolken im Berner Oberland sowie im westlichen Jura in die Höhe. Etwa gegen 17 Uhr bildeten sich in der Region Simmental/Saanenland heftige Gewitter welche trotz südwestlichen Höhenwinden rechts ausscherten und ostwärts gegen Adelboden und Kandersteg zogen. (Bild 2). Dieses Verlagerungsmuster deutet auf eine Superzelle hin.
Dramatisch war die Entwicklung in der Region Schwyz. Nicht zuletzt durch den Impuls der inzwischen gegen Osten vorrückenden Berner Oberländer Gewitter entwickelte sich gegen 19.30 Uhr entlang der Schwyzer und Glarner Voralpen ein grosser Gewittercluster. Der westliche Teil des Unwetters zog in der darauffolgenden Stunde langsam nordwärts gegen den Sihl- und oberen Zürichsee (Bild 3). Die Regenmessstation von MeteoSchweiz in Alpthal registrierte dabei eine einstündige Niederschlagssumme von 73 mm. Die traurigen Folgen sind bekannt: Im schwersten Unwetter der vergangenen Jahrzehnte fürchteten im Schwyzerland viele Menschen um ihr Leben und verloren Hab und Gut.
Aber das Unwetter hatte sich noch nicht ausgetobt. Gegen 21.00 Uhr erreichte das Gewittersystem den oberen Zürichsee und zog in der Folge gegen das Zürcher Oberland. (Bild 4). In der Region Rapperswil kam es zu heftigen Sturmwinden welche zahlreiche Bäume entwurzelten. Aus dem Zürcher Oberland wurden heftigste Platzregen gemeldet und es kam zu zahlreichen Überschwemmungen.
Bild 5: Ein Stimmungsbild des Unwetters wurde von Markus Heinzer am Abend des 20.06.07 vom Bachtel im Zürcher Oberland Richtung Lachen geschossen. Die Wolkenstrukturen deuten auch bei diesem Gewitter auf eine Superzelle hin.
gross.jpg, 159 KBDie Wetterlage vom Donnerstag, 21. Juni 2007
Im Laufe der Nacht auf Donnerstag beruhigte sich die Lage. In der zweiten Nachthälfte klangen die Schauer und Gewitter zunehmend ab. Allerdings blieb die schwülwarme Luftmasse über der Schweiz liegen. Gleichzeitig stabilisierte sich vor der heranrückenden Kaltfront die Luftschichtung in mittleren Höhenlagen. Dieser Effekt behinderte die Neubildung von Schauern und Gewittern während der Nacht. Am frühen Morgen gelangte die Schweiz zunehmend in eine ideale Position der starken Höhenwinde (Jetstream). Die Jetposition sowie ein kurzwelliger Höhentrog führten zu einer Verstärkung der Front über der Schweiz.
So bildete sich am Morgen früh am Genfersee eine markante Gewitterlinie. Folgendes Bild der Webcam Mont Pellerin oberhalb Lausanne wiederspiegelt die Atmosphärenschichtung unmittelbar vor dem Gewitter. Auf der rechten Bildseite ist die hochreichende Gewitterzelle, auf der linken Bildseite ist die aus Südosten einfliessende tiefe, hochnebelartige Bewölkung sichtbar:
Bild 7: Radarbild überlagert mit Isobaren und Bodenwinden vom 21.06.07, 07 Uhr, der blaue Pfeil markiert die Kaltluft hinter der Front, der rote Pfeil der Zustrom von feuchtwarmer Luft vor der Front.
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Die Gewitterfront verlagerte sich nun immer schneller nordostwärts. Im nächsten Radarbild ist eine weitere interessante Radarsignatur zu sehen, nämlich ein sogenanntes Bogenecho, welches typisch für grossräumige und rasch ziehende Böenfronten (squall lines) ist:
Verbreitet wurden nun auch im Flachland Windspitzen von 90 bis über 100 km/h gemessen. Da die Front immer schneller wurde, gingen auch die Niederschlagsgesamtsummen im Vergleich zu den westlichen Regionen, zurück. Trotz der rasanten Verlagerungsgeschwindigkeit der Front wurden allerdings immer noch sehr hohe zehnminütige Niederschlagssummen gemessen. (Siehe auch die klimatologische Bewertung der Niederschlagsintensitäten weiter unten im Artikel).
Um 09.30 Uhr erreicht die Front die Stadt Zürich:
Heftiges Hagelgewitter im Tessin
Nachdem sich die Lage nördlich der Alpen hinter dem Frontdurchgang beruhigt hatte, entwickelte sich um 13 Uhr eine Gewitterzelle im Raum Verbania. Diese zog unter Verstärkung rasch gegen das Tessin weiter und überquerte in voller Stärke etwa 1 Stunde später das mittlere Tessin.
Aufgrund der Verlagerung und der vertikalen Struktur der Radarechos, sowie der gemeldeten Hagelgrössen, kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei diesem Gewitter ebenfalls um eine Superzelle gehandelt hatte.
Von A. Guscetti, wurden uns dazu folgende Aufnahmen aus Tesserete zur Verfügung gestellt:
Extreme Niederschlagsintensitäten
In Chur wurde am Abend des 20. Juni 2007 innerhalb von 10 Minuten eine Niederschlagsmenge von 21.1 mm registriert. Seit Beginn der hochauflösenden Messungen im Jahre 1981 ist dies für die Messreihe Chur bei weitem das intensivste kurzfristige Niederschlagsereignis. Die höchste bisherige 10-Minuten Menge von 12.5 mm fiel am 21. August 1989. Gemäss Extremwertanalyse ist ein 10-Minuten Niederschlag von 21.1 mm Niederschlag in Chur im Durchschnitt nur alle 100 Jahre zu erwarten, was als sehr seltenes Ereignis zu werten ist.
Gewaltige Niederschlagsmengen fielen am Abend des 20. Juni 2007 vor allem auch in der Innerschweiz. An der Messstation Alpthal in der Region Einsiedeln waren es innerhalb von einer Stunde 72.5 mm. Unter Beizug der nächstliegenden hochauflösenden Messstation Glarus ist ein solches Ereignis für die Region Alpthal im Durchschnitt nur etwa alle 100 bis 200 Jahre zu erwarten.
Am nächstfolgenden Tag, dem 21. Juni 2007, hat die über das gesamte Mittelland hinweggezogene Gewitterfront an den Messstationen Zürich und Tänikon innerhalb von 10 Minuten Niederschlagsmengen von 18.1 mm bzw. 18.9 mm gebracht. In Zürich ist ein derartiges Ereignis alle 5 bis 10 Jahre zu erwarten, wobei der bisherige Maximalwert bei 24.3 mm lag (15. August 1988). In Tänikon handelte es sich um ein Ereignis, welches im Durchschnitt alle 10 bis 20 Jahre einmal auftritt. Bisher wurde hier nur ein intensiverer Niederschlag gemessen, nämlich am 21. Juni 1996 mit 19.6 mm innerhalb von 10 Minuten.
Wetterwarnungen
Neben der laufenden Aufdatierung der überregionalen Unwetterwarnungen wurden von den MeteorologInnen von MeteoSchweiz während der Unwetter insgesamt 35 lokale Gewitterwarnungen, welche über die aktuelle Lage und die Entwicklung der Gewitter informierten, ausgesendet. Gleichzeitig liefen die Telefone in den Wetterdiensten in Zürich, Locarno und Genf heiss. Zahlreiche Einsatzbehörden, Privatpersonen und Journalisten informierten sich direkt bei den MeteorologInnen über die aktuelle Unwetterlage.
Die Rückmeldungen der kantonalen Einsatzbehörden zeigen: Die Warnungen der MeteoSchweiz waren schnell und präzis! Laut Einsatzbehörden kamen die Warnungen rechtzeitig, waren räumlich zutreffend und haben die zu erwartenden Niederschläge, Sturmböen und Hagel gut beschrieben.
Fazit: Die kantonalen Einsatzbehörden beurteilten die Leistung der MeteoSchweiz als gut bis sehr gut.


















